Radiobeitrag in Ö1 zu Persönlicher Assistenz

Posted in Persönliche Assistenz on April 29th, 2013 by Ernst Kocnik – 2 Comments

DCF 1.0Die Ö1-Sendung “Radiodoktor” befasste sich am 17. Arpil 2013 mit dem Thema Persönliche Assistenz. Beleuchtet wurden darin verschiedene Aspekte in diesem Zusammenhang, u.a. kamen  Anita Bauer (FSW),  Marianne Schulze (Monitoringausschuss), Hans-Jörg Hofer (Sozialministerium/Gruppe “Integration von Menschen mit Behinderung), Martin Ladstätter und Gabriela Obermeir (BIZEPS) zu Wort.

Sendung zum Nachhören: Youtube

Optik versus Barrierefreiheit reloaded

Posted in Barrierefreiheit, Stolpersteine on Februar 22nd, 2013 by Ernst Kocnik – Be the first to comment

Unter dem Titel „Korsett Bauordnung“ brachte die Ö1-Sendung Kulturjournal am 12.2.2013 ein Interview  mit Walter Stelzhammer, dem Präsidenten der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland. Herr Stelzhammer kritisierte die Flut an Baunormen, insbesondere in den Bereichen Energieeffizienz, Barrierefreiheit und Brandschutz. Dadurch sei die Rechtsunsicherheit für Architekten sehr groß und das Gutachterwesen blühe und gedeihe, während sich das Prozessrisiko für seine Zunft stetig erhöhe.

Aufgrund der Fülle an Baunormen erhöhten sich laut Stelzhammer die Baukosten um bis zu 15% und Wohnflächen schrumpften aufgrund des anpassbaren Wohnbaus. Der für rollstuhlbenützende Personen erforderliche Wendekreis von 150 cm vergrößere die Sanitärbereiche sowie Gänge, und Aufenthaltsräume würden dadurch kleiner.

In der Sendung wurde auch die Überlegung angestellt, Behindertenwohnungen nicht mehr flächendeckend zu bauen, sondern Barrierefreiheit zielgerichtet auf Betroffene umzulegen. Es mache ja keinen Sinn, Wohnungen bis in den zwölften Stock behindertengerecht zu gestalten, wenn Lifte im Brandfall keinen Strom hätten und Menschen mit Behinderungen kaum aus höheren Etagen evakuiert werden könnten.  Warum also keine Ghettos für behinderte Menschen, wo wir doch in der Vergangenheit bereits sehr gute Erfahrungen mit Sondereinrichtungen in allen Lebensbereichen gemacht haben?

Angeleiert wurde dieser „barrierefreundliche Reigen“ bereits einige Tage zuvor durch den Architekten Christian Knechtl, der ebenfalls auf Ö1 eine Anpassung bzw. Vereinfachung der Normen forderte. Seiner Meinung zufolge sei Barrierefreiheit erheblich am ungesunden Verhalten der österreichischen Bevölkerung schuld, da man ja viel lieber über eine zentral gelegene Prunktreppe gehen würde als über eine den Regeln der Barrierefreiheit entsprechende.

Die Aussagen der beiden Architekten decken meine in der Vergangenheit bereits oftmals gemachte Wahrnehmung, dass das Match Optik versus Barrierefreiheit noch lange nicht ausgestanden ist. Eventuell sehen sich Architekten auch mehr als Künstler und weniger als Techniker und eventuell ist ihnen Benutzerfreundlichkeit ebenso ein Fremdwort, wie Inklusion!

Die führenden Juristen des Unterrichtsministeriums bekämpfen die Behindertengleichstellung und decken die Diskriminierung gehörloser Menschen durch den Landesschulrat für Kärnten

Posted in Kärnten on Februar 19th, 2013 by Andreas Jeitler – Be the first to comment

Logo der Aplen-Adria-Universität KlagenfurtPresseaussendung des Zentrums für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation der Universität Klagenfurt zur Diskriminierung gehörloser Menschen durch den Landesschulrat für Kärnten und das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.

Der Landesschulrat für Kärnten verweigert gehörlosen Menschen die Bezahlung der Gebärdensprachdolmetschkosten. Ganz nach der obrigkeitsstaatlichen Methode des 19. Jahrhunderts stellt der Landesschulamtsdirektor Dr. Peter Wieser fest: “Wenn WIR dich einladen, zahlen wir; aber wenn DU etwas von uns willst, kriegst Du keinen Cent!” Das heißt für die Kärntner Gehörlosen, für jede Auskunft, die sie wollen, die Dolmetscher selbst bezahlen zu müssen. Natürlich ist das nach dem Behindertengleichstellungsgesetz eine Diskriminierung. Das kümmert aber weder Herrn Wieser noch seinen Vorgesetzten, den Amtsführenden Präsidenten Hofrat Ebner. Im Gegenteil, sie glauben sich sogar auf Unterstützung von Seiten des Unterrichtsministeriums berufen zu können. Dieses meint nämlich, die Behörde könnte eigenmächtig entscheiden, ob sie einer gehörlosen Person eine Gebärdensprachdolmetschung zur Verfügung stellen muss oder nicht. Das ist natürlich ebenso eine Diskriminierung. Aber die handelnden “schrecklichen Juristen” setzen darauf, dass die gehörlosen Menschen die Strapaze gerichtlicher Klagen nicht auf sich nehmen wollen und daher auf die Durchsetzung ihrer Rechte verzichten werden. Bildungsministerin Schmied zeigt trotz mehrmaliger Information offensichtlich kein Interesse daran, die menschenfeindlichen und menschenrechtwidrigen Aktivitäten ihrer Spitzenjuristen abzustellen.

Franz Dotter
Zentrums für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation der Universität Klagenfurt

Originaltext als PDF herunterladen.

Gebärdensprachdolmetsch per Internet

Posted in Inclusion.cc on Januar 30th, 2013 by Andreas Jeitler – Be the first to comment

Logo: VerbaVoiceIm Gemeindeamt St. Andrä fand heute im Rahmen eines EU Projektes zur Verbesserung der Barrierefreiheit in Tourismusbetrieben eine Präsentation der Firma VerbaVoice statt. VerbaVoice bietet eine Online-Plattform zur Bereitstellung von Gebärdensprach- und Schriftdolmetsch.

Viele öffentliche Einrichtungen, Institutionen und Betriebe sind noch nicht darauf vorbereitet, wenn schwerhörige oder gehörlose Personen ihre Services nutzen möchten, oder sie nur eine Beratung von ihnen brauchen. Grund dafür ist meist eine schwer überwindbare Kommunikationshürde.

Die Anzahl der Menschen in Österreich, die der Gebärdensprache mächtig sind ist verschwindend klein. Wer nicht selbst gehörlos ist, oder in der näheren Verwandschaft gehörlose Angehörige hat, spricht in der Regel keine ÖGS. Die Kommunikation im Amt, oder an der Hotelrezeption, gestaltet sich für Gehörlose Personen in der Regel dementsprechend schwierig.

In Umgebungen mit schlechter Akustik, oder wenn keine Induktionsanlage vorhanden ist, hat sich für schwerhörige Personen die Idee des Schriftdolmetsch als sehr brauchbare Kommunikationsmethode herausgestellt. Ein Dolmetscher bzw. eine Dolmetscherin schreibt in Echtzeit das Gesprochene mit, und die schwerhörige Person kann sozusagen 1:1 mitlesen. Diese Methode hat sich vor allem bei Veranstaltungen, im Hörsaal oder in Schulklassen bewährt. Für gehörlose Personen ist diese Kommunikationsmethode eher kontraproduktiv, da für sie die Gebärdensprache meist die Muttersprache ist, und das Lesen von Deutschen Texten sich eher als schwierig gestaltet.

Am besten wäre es, einen eigenen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin immer vor Ort dabei zu haben, was jedoch für gewöhnlich schwer zu finanzieren sein wird. Die Idee von VerbaVoice: Anstatt mir vor Ort eine dolmetschende Person mitzunehmen, schalte ich mir den Dolmetch per Internet dazu. Über eine Online-Plattform wird Dolmetch per Videokonferenz bzw. Chat-Funktion angeboten. Alles was minimal an technischer Ausrüstung gebraucht wird sind ein Laptop oder ein Mobiles Endgerät dass über eine Kamera und ein Mikrofon verfügt. Neben dem Web-Frontend gibt es auch Clients für IOS und Android.

Der Vorteil für Dolmetscherinnen und Dolmetscher liegt darin, dass sie oft besser ausgelastet sein können. Anstelle langer Anfahrtszeiten, die sie nicht zum vollen Dolmetsch-Tarif verrechnen können, können sie ihre Arbeitszeit besser mit tatsächlicher Dolmetsch-Tätigkeit nutzen.

Der Vorteil für gehörlose und schwerhörige Kundinnen und Kunden liegt darin, dass sie lange Anfahrtszeiten von Dolmetcherinnen und Dolmetschern nicht einrechnen müssen.

Die VerbaVoice Plattform ist technisch jetzt nichts von Grund auf Neues. Funktionen wie Videokonferenz oder text-basierte Kommunikation (Chat) werden von gängigen sozialen Netzen wie Skype oder Facebook auch schon abgedeckt. Seine Stärke sieht VerbaVoice im angebotenen Gesamtkonzept. Die Plattform selbst ist nur ein Teil. VerbaVoice bietet darüber hinaus die Planung und Koordination, sowie die Verrechnung von Dolmetcherinnen und Dolmetchern, und engagiert sich in der Ausbildung dieser. Ich kann über die Plattform beantragen, wann ich Dolmetsch in welcher Form benötige, und VerbaVoice übernimmt den Rest.

Aber wie wird das ganze finanziert? Behörden und Instittionen mieten sich bei VerbaVoice einen virtuellen Kommunikationsraum zum preis von 94 € pro Monat. Diesen Raum können sie Kundinnen und Kunden zur Verfügung stellen, um mit ihnen zu kommunizieren. Wird Dolmetsch genutzt, so wird dieser der jeweiligen Institution entsprechend den örtlich üblichen Dolmetschsätzen verrechnet.

Als Beispiel wurde bei der Präsentation die Situation eines Arzt-Besuches herangezogen, bei dem Arzt und Patient über Dolmetsch miteinander kommunizieren. Diese Situation ist schon dann schwierig, wenn eine dolmetschende Person vor Ort dabei ist, zu der der Patient oder die Patientin ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Wenn dann die Kommunikation über eine Internet-Verbindung läuft und die Übersetzung auch noch von einer fremden Person übernommen wird, ist es schwierig auf das Arzt-Patienten-Geheimnis zu vertauen. Der optimale Fall wäre natürlich, wenn der Arzt bzw. die Ärztin selbst z.B. gebärdensprache-kompetent wäre.

Das derzeit angebotene Konzept funktioniert nur für Behörden und Institutionen als Kostenträger. Für den Privatbereich ist das Konzept der 94€ Raum-Miete eher schwer durchzusetzen.

Konklusion:

Gehörlose Menschen in Österreich nutzen iPhone und Co. bereits seit einiger Zeit, um mit Bekannten per Gebärdensprache zu kommunizieren, oder hörende gebärdensprachkompetente Personen für den Dolmetsch zu nutzen.

Wirklich interessant wind der Ansatz erst dann, wenn ein 24 Stunden Dolmetsch-Service angeboten werden kann. Gehörlose oder schwerhörige Menschen haben dann jederzeit Zugriff auf das Instrument der Kommunikation. Meist ist nicht vorauszuplanen, wann man Dolmetsch benötigt – z.B. an einer Türklingel oder in einer Notsituation. Meiner Meinung nach sollte ein derartiges Projekt von der öffentlichen Hand finanziert, und von einer Institution wie  dem Gehörlosenbund getragen werden. Es wäre doch zumindest einen Versuch wert.

Kommunikation muss als Grundrecht gesehen werden, und daher 24 Stunden am Tag für alle Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung stehen.

Weblinks:

Foto des Monats Januar 2013

Posted in Inclusion.cc on Januar 28th, 2013 by Andreas Jeitler – Be the first to comment

Foto: Rutschgefahr-Schilder auf Blindenleitsystem des Klagenfurter RathausesDas Foto des Monats Januar zeigt das Blindenleitsystem in der Eingangshalle des Klagenfurter Rathauses. Mitten auf das Leitsystem hat man gelbe Schilder gestellt, die wegen des nassen Marmorbodens auf Rutschgefahr hinweisen sollen.

Nun stelle ich mir zwei Fragen:

  1. Wenn eine blinde Person des Weges kommt, und ihr ein derartiges Hindernis in dieser rutschigen Umgebung den Weg blockiert, ist es dann nicht eher wahrscheinlich, dass die Person ausrutscht?
  2. Selbst wenn die blinde Person nicht ausrutscht, hat sie sicher Schwierigkeiten zu verstehen, was man ihr da als Hindernis in den Weg gelegt hat, denn die Schilder sind nicht taktil ausgezeichnet!!! Ein netter Gag wären sprechende Hinweisschilder mit Annäherungssensor: “Achtung! Ich bin ein Hinweisschild und möchte Sie in dieser Funktion darauf hinweisen, dass es hier rutschig ist. Bitte seien Sie vorsichtig! Warum ich hier gerade auf Ihrem Leitsystem hingestellt worden bin, weiß ich leider nicht.”

Die Überlegung ist vermutlich, dass gerade am Leitsystem die wenigsten Leute gehen, und man daher nicht das Risiko hat, jemand wichtigem den Weg zu blockieren. Ich empfand mich heute aber als wichtig, immerhin hatte ich einen Termin beim Bürgermeister, und ich gehe fast immer auf dem Leitsystem.

Also liebe Kolleginnen und Kollegen im Rathaus, bitte stellt die Schildchen genau NICHT auf das Leitsystem. Überall anders hin, nur nicht dort.

Immer aktuelle Nachrichten zum Thema Barrierefreier Tourismus

Posted in Tourismus on Januar 22nd, 2013 by gunterrainer – Be the first to comment

Der Verein tourism4all betreibt seit einiger Zeit eine Infoplattform auf Facebook zum Thema Barrierefreier/Inklusiver Tourismus. Darauf werden monatlich die aktuellsten Informationen veröffentlicht. Vor allem der deutschsprachige Raum aber auch internationale News können dort gelesen werden.

https://www.facebook.com/tourism4all

tourism4all ist ein Gemeinnütziger Verein und versteht sich als Förderer des barrierefreien Tourismus. Es werden Initiativen und Impulse gesetzt, um die Entwicklung barrierefreier Angebote zu unterstützen. Es geht um Zugänglichkeit und Nutzbarkeit touristischer Angebote für Menschen, die mehr wollen als ein Standardpaket. Gerade in der Tourismusbranche ist ein enormes Wachstumspotential möglich. Wenig Angebote sind vorhanden, obwohl es in Europa lt. Eurostat 124 Mio Menschen gibt die in irgendeiner Form eine Einschränkung aufweisen – und die Reiselust ist genauso groß wie bei Menschen ohne Behinderung.

http://www.tourism4all.org/

Essen auf Knopfdruck

Posted in Allgemein, Barrierefreiheit, Tourismus on Januar 22nd, 2013 by gunterrainer – Be the first to comment

Die Fernbedienung in die Hand genommen, den Fernseher eingeschaltet, ein paar Tasten gedrückt – und das Essen, auf das man gerade Gusto hat, wird direkt in die Wohnung geliefert. Eine Szene aus dem Schlaraffenland? Weit gefehlt … gesamter Artikel ( aus der Wiener Zeitung)

Ein Buch nimmt die Angst

Posted in Allgemein on Januar 18th, 2013 by Ernst Kocnik – Be the first to comment

Rezension von Marion Sigot | Das Mut-Buch. Lebensgeschichten von Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten. Hg. von Selbstbestimmt Leben Innsbruck – Wibs, AG Spak 2012 | Veröffentlicht in: Stimme. Zeitschrift der Initiative Minderheiten, Nr. 85, 2012

Das Mut-Buch gibt Menschen, die in unserer Gesellschaft oft nicht gehört werden, eine Stimme! In der Publikation erzählen Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten, also Personen, die in unserer Gesellschaft als “geistig behindert” bezeichnet wurden und werden und diesen Begriff als diskriminierend und stigmatisierend für sich ablehnen, über ihr Leben. Sie berichten jeweils unter einem Pseudonym über “Erfolge” und “Probleme”, um anderen Menschen mit Lernschwierigkeiten Mut zu machen.

Die vielfältigen negativen Erfahrungen reichen vom Absprechen von Ressourcen, dem Behandelt-Werden wie ein Kind im Erwachsenenalter bis hin zu erlebten Diskriminierungen und Fremdbestimmung. Bei den Schilderungen wird deutlich, dass “das Beste” aus Sicht des sozialen Umfeldes häufig konträr zu den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen ist. So führt Agatha Müller (S. 21f.) aus, dass sie beim Eintritt in ein Behindertenheim aus mangelndem Wissen über Alternativen selbst glaubte, es sei das Beste für sie. Eindringlich auch die Erzählung von Sebastian Siemaier über die ?Dunkelhaft? und Strafen wie Stockschläge im Behindertenheim bei ?unkeuschem Verhalten? (S. 44f.).

Mut machen die Schritte in Richtung Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. So erzählt Elfriede Brauner (S. 59f.), wie sie nach schwierigen Erfahrungen in Kindheit und Jugend durch ressourcenorientierte Unterstützung in einer WG Arbeit bei einer Firma gefunden hat und bei Bedarf von ihrer Assistentin unterstützt wird. Daneben erfährt sie in einer Selbstvertretungsgruppe Rückhalt.

Kurt Halbeisen (S. 60f.) berichtet über seine Tätigkeit in einer Werkstätte für Menschen mit Behinderungen, in der er nur ein Taschengeld bekam und über seine nunmehrige Tätigkeit in einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderungen, wofür er gerecht entlohnt wird. Er wohnt nun auch selbständig, geht gerne in die Disco, hat eine Freundin und viel an Selbstvertrauen dazu gewonnen. Er erzählt, dass er “jetzt keine Angst mehr vor dem Selberbestimmen” hat und sich auch zu Wort meldet.

Das Mut-Buch ermutigt in vielerlei Hinsicht. Vielleicht kann es neben der Sensibilisierung einer breiteren Öffentlichkeit über die Anliegen von Menschen von Lernschwierigkeiten sein größter Verdienst werden, dass es Ängste bei diesen auflösen helfen kann. Etwa die Angst, sich jemandem anzuvertrauen, über jemanden aus dem sozialen Umfeld etwas zu erzählen und diese Person dadurch zu “verraten” (S. 7).

Ich möchte das Mut-Buch allen Menschen – Menschen mit Lernschwierigkeiten, MitarbeiterInnen  in Institutionen und Initiativen, Angehörigen, WissenschafterInnen, Studierenden und nicht zuletzt PolitikerInnen wärmstens empfehlen!

Dr.in Marion Sigot, Abteilung für Sozial- und Integrationspädagogik, Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Alpen Adria Universität Klagenfurt

Tag der Menschen mit Behinderung – eine kritische Perspektive von Werner Pruckner

Posted in Barrierefreiheit, Kärnten, Politik on Dezember 3rd, 2012 by Andreas Jeitler – 1 Comment
Sehr geehrte Damen und Herren,
der 3.12.2012 ist der Tag der Menschen mit Behinderung und dazu einige kritische Bemerkungen:
  1. Ein Mensch mit einer Behinderung wird JEDER, außer er stirbt früher! Wenige Menschen sind von Geburt an behindert, aber diesen müssen wir die ganz besondere Hinwendung und Förderung zuteil werden lassen, um ihnen auch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und die Eltern zu entlasten. Dies ist nur ein geringer Teil, der große Rest entsteht durch Krankheit, Unfälle und altersbedingt.
  2. Menschen mit Behinderung sind nicht nur durch körperliche oder Sinnes-Beeinträchtigungen benachteiligt oder gar ausgegrenzt, sondern werden auch von der Politik und damit auch von der Öffentlichkeit als Almosenempfänger hingestellt, obwohl das österreichische Verfassungsgesetz im Art.7 Abs.1 aus dem Jahre 1997 jegliche Diskriminierung von Menschen mit Behinderung verbietet.Beispiele: Behörden, Gerichte, Bezirkshauptmannschaften, Gemeindeämter in Kärnten oder Arztpraxen sind frmiertür Menschen mit Behinderung nicht nutzbar, weil nicht barrierefrei.
  3. Sparen ist für Politiker jeder Partei hauptsächlich bei Menschen mit Behinderung angesagt, denn die können sich nicht wehren.Ein besonders drastes Beispiel ist das Pflegegeld für Menschen mit Behinderung, welches Anfang der 90er Jahre eingeführt wurde. Zur Gegenfinanzierung hat die Politik damals die Krankenkassenbeiträge um insges.0,8 % erhöht, dies deshalb damit man alle Bevölkerungs- schichten erfasst. Es waren im ersten Jahr nach Einführung ca. 300.000 Personen die es erhielten, dafür aber das Hilflosengeld und die Blindenzulage verloren. Im darauffolgenden Jahr wurde das Pflegegeld der Stufe 1 reduzuert  mit dem Argument, daß mehr Menschen durch eine Lockerung der Bestimmungen  Zugang zur Berechtigung erhalten. Tatsache war, daß zwar ca.20.000 mehr  Pflegegeldbezieher waren, aber der Alterungsschub bei den Pensionisten nicht berücksichtigt wurde. In diesem Jahrhundert wurde das Pflegegeld mehrmals reformiert, jedoch nur einmal um 2 % erhöht (einen besonderen Scherz hat sich Hr.BM Hundsdorfer 2010 mit der Erhöhung der Pflegestufe 6 um € 8.00 pm. geleistet!). Die Wertminderung des Pflegegeldes beträgt dank der “üppigen” Erhöhungen ca.40%, die Steigerungen der Selbstbehalte können Sie bei den Sozialdienstleistern erfahren. Selbstbehalte bei Behindertenhilfsmittel wurden ständig erhöht, viele Hilfsmittel müssen sich MmB vorallem Pesionisten selbst bezahlen. Bei der letzten Reform wurden die Stunden für die Pflegestufen 1 und 2 um 10 erhöht, dh. es werden sicher um 15.000 weniger Bezugsberechtigte heuer anfallen.
  4. Viele Menschen mit Behinderung sind auf Grund unseres Pensionssystems Mindestpensions- oder Mindessicherungsbezieher. Immerhin ist es dem Sozialstaat Österreich mit den maßgeblichen Herren Hundsdorfer,Blecha und Khol gelungen über 800.000 Mindestpensionisten zu erzeugen, die sich über die 1,8% Pensionserhöhung (€ 14.80) genauso freuen wie die Herren Khol und Blecha (€ 282.50). Eine Erhöhung des Pflegegeldes ist für diese Herren  kein Thema, eine Behinderung erst dann wenn es sie selbst betrifft. Daß auch Existenzangst und Grübeln bei älteren Personen Krankheiten erzeugen, wird in unserem Gesundheitssystem hintangestellt.
  5. Bürgermeister werden in Kärnten direkt gewählt, das ist auch gut so. Aber das Mindeste was man einem Bewerber für dieses Amt abverlangen kann, ist die Kenntnis des VFG, der Bundes- und Landesgesetze und nachdem er auch Baubehörde erster Instanz ist, die Bauvorschriften,die Bauordnung und das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz. Wenn daraus durch Fehleistungen oder Unkenntnis Haftungen entstehen, sind diese selbstverständlich wie bei jedem Gewerbetreibenden oder Wirt zu tragen. Hier wegen dieser und der geringen Bezahlung zu jammern, ist sicher deplaziert.
  6. Politik ist Macht – Politik sollte in einer Demokratie diese Macht zeitlich beschränken.Macht neigt zur Koruption – nicht immer der Politiker selbst, sondern Seilschaften dahinter.  Seit 1990 steht in jedem Parteiprogramm die Weiterentwicklung der Demokratie – ansatzweise umgesetzt hat sie keine Partei.Wozu auch – es läuft ja wie geschmiert! Wenn sich die Parteien bei etwas nicht einigen können, machen sie eine Volksabstimmung  auf Kosten der Steuerzahler und damit sind die Parteien außer Obligo. Wichtig ist nur.daß die Parteien nichts offenlegen müssen, aber dem Wähler das Gefühl geben, daß er entscheidet (trotz Unkenntnis der Hintergründe) . Zwei Funktionsperioden (höchstens 15.Jahre) sind für Kanzler,Landeshauptleute und Bürgermeister genug um ihre politischen Spuren zu hinterlassen und vorallem ihre Parteien aus ihrer Lethargie zu holen damit sie wieder näher zum Wähler kommen.
  7. Die Politik muß endlich auch bei sich sparen anfangen, bitte wer braucht in Klagenfurt oder Wolfsberg 9 Senatsmitglieder, wenn Graz oder Villach mit sieben auskommen, in Spittal,Feldkirchen,Ferlach,Friesach,St.Veit,St.Andrä,Radenthein,Völkermarkt 7 Senatsmitgleider? Geld (verfügbares Buget) bleibt den einzelnen kaum noch, also betätigen sich die meisten als Quackenten, die je nach politischem Willen, manches über Gebühr loben und vieles trotz besserem Wissen kritisieren.
  8. Ärzte,Zahnärzte und Lehrer sind eine besondere Spezies, sie nehmen Kinder, Eltern oder eben Patienten in Geiselhaft um egoistische Forderungen (mehr Einkommen,mehr Freizeit, mehr Nebeneinkünfte usw.) politisch durchzubringen. Fachärzte in Kärnten begutachtenMenschen mit Behinderung im Stiegenhaus, weil der Lift zur Praxis für den Rollstuhl zu klein ist - und das im Auftrag des Bundessozialamtes.  Arztpraxen sind nicht barrierefrei erreichbar, haben keine entsprechenden WC, damit ist die freie Arztwahl nicht gegeben.
Ich könnte meine Wahrnehmungen seitenlang fortsetzen, will aber nur mit diesem kleinen Auszug die wirklichen Probleme von Menschen mit Behinderung aufzeigen, die selbstbestimmt leben wollen und dies auch könnten, wenn man sie nicht daran hindern würde.
Es gibt aber auch positive Beispiele in Kärnten wie man Menschen mit Behinderung ins gesellschaftliche Leben zurückholen kann.
Klagenfurt und Villach haben mit der 10.Oktoberstraße bzw.der Bahnhofstraße barrierefreie Flaniermeilen geschaffen, die auch Lokale und Geschäfte einbinden. Hier möchte ich vorallem den Herren DI Remy und Ing.Pirker in Klagenfurt und den Herren DI Pilz und Ing.Duschnig in Villach für die gute Zusammenarbeit danken.
Mit freundlichen Grüßen
Werner Pruckner
Tel 0650 821 5023
Ref Mobilität und Infrastruktur
des BSVK und ÖZIV-Kärnten

Selbstbestimmung – Nein Danke?

Posted in Kärnten on Dezember 1st, 2012 by Andreas Jeitler – Kommentare deaktiviert

Unter dem Titel Behinderte Frau auf Odyssee findet sich in der Ausgabe der Kleinen Zeitung vom 7.12.2012, Kärnten Ausgabe – Seite 24, ein Artikel von Manuela Kalser.

In besagten Artikel geht es um eine Hamburger Dame, die trotz Down-Syndroms selbständig immer wieder mit dem Zug durch Europa reist. Wie kann sie nur?

Obwohl Sachwalter, Gericht und medizinisches Personal in Krankenhäusern die Frau als körperlich gesund einstufen und ihr zutrauen für die Unterkunft auf ihren Reisen selbst zu sorgen, scheinen Vertreter der Diakonie der Meinung zu sein, dass die Dame hilfsbedürftig sei, und man sich um sie kümmern müsse.

Unsere Fachmeinung nach, darf diese Frau nicht alleine reisen.” wird Diakoniesprecher Hansjörg Szepannek zitiert. Entscheidet nun schon die Diakonie für uns Menschen mit Behinderung, wer selbständig leben darf, und wer in eine Institution gesteckt werden muss?

Die Dame brauche schon bei der Körperpflege Hilfe. Es mag durchaus stimmen, doch sollte es doch Entscheidung des Individuums sein in diesem Fall Hilfe zu verlangen. Keinesfalls darf “Hilfe” aufgezwungen werden.

Hubert Stotter, Rektor der Diakonie scheint eine ganz spezielle Meinung zum Thema Selbstbestimmung und Respekt zu haben. Er wird folgendermaßen zitiert: “Die Frau einfach so herumfahren zu lassen, finde ich respektlos.“. Als nicht wörtliches Zitat wird noch angeführt: “Mit Selbstbestimmung hätte das nichts mehr zu tun.“. Unter Selbstbestimmung verstehe ich die freie Wahl aus akzeptablen Möglichkeiten. Wenn die Möglichkeit besteht, dass ich selbständig reisen kann und ich mich dafür entscheide, was bitte ist daran “respektlos”? Respektlos wäre es, diesen Wunsch zu unterbinden.

Mir ist durchaus bewusst, dass es Lebensumstände gibt, unter denen ein Leben ohne fremde Hilfe nur schwer oder nicht mehr möglich ist. Ich masse mir auch nicht an hier eine Aussage treffen zu können, ob dies in diesem Fall zutrifft. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass diverse VertreterInnen von Institutionen ebenfalls nicht das Recht haben dürfen über das Leben einzelner Personen zu entscheiden.

Im Artikel wird auch angeführt, dass die Kommunikation mit der Dame sehr schwierig gewesen sei. Nachdem ich beim Artikel ein Foto sah, dass angeblich die Dame beim Besteigen des Zuges nach Deutschland zeigt, frage ich mich, ob sie draüber informiert wurde, dass ein Zeitungsbericht über sie geschrieben, und sie dort mit Bild abgedruckt wurde. Ein bitterer Beigeschmack bleibt, wenn die Gefahr besteht, dass Menschen mit Behinderung ohne ihr Wissen instrumentalisiert werden, insbesondere dann, wenn es darum geht die Hilflosigkeit von Menschen mit Behinderungen Medial zu verarbeiten.

Interessant ist hier natürlich auch die Gender-Perspektive. Wäre es auch zu diesen Bericht gekommen, wenn es sich bei der Person mit Behinderung um einen Mann gehandelt hätte? Ich erlaube hier ein gewisses Maß an Skepsis. Frauen mit Behinderung sind in unserer Gesellschaft mehrfachen Diskriminierungsgefahren ausgesetzt. Oft wird ihnen nicht das selbe Ausmaß an Selbständigkeit und Durchsetzungsvermögen wie den Männlichen Vertretern dieser Personengruppe zugesprochen.

Leider schaden derartige Berichterstattungen der Bewegung für mehr Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen, einem Konzept, das übrigens auch fundamentaler Bestandteil der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist, welche auch von Österreich ratifiziert wurde. Menschen mit Behinderungen werden als Hilfsbedürftige Wesen dargestellt, um die man sich kümmern muss. Wenn sie sich nicht selbst waschen können, würden sie ja stinken, und das wollen wir nicht riechen müssen.

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